Beziehungsstatus: Es ist kompliziert…

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Bild: vfb-bilder.de

Seitdem ich Hannes Wolf mit den besten Wünschen verabschiedet habe, ist viel beim VfB passiert. Korkut wurde als neuer Trainer vorgestellt, Gomez traf das erste Mal nach seiner Rückkehr und am Wochenende gewann man mit 1:0 gegen Gladbach. 4 Punkte aus zwei Spielen ist alles andere als ein schlechter Einstand für Korkut. Hat der VfB also alles richtig gemacht? Sind wir jetzt endlich auf dem richtigen Weg?

Korkut wurde mit viel Unmut begrüßt – und ganz ehrlich: Auch mich hat die Entscheidung überrascht. Das hing sicher auch damit zusammen, dass ich es gerne gesehen hätte, wenn man Hannes Wolf weiterhin das Vertrauen geschenkt hätte und dass es sein Nachfolger generell schwer haben würde, aber für mich ist die Verpflichtung Korkuts deshalb so schwer nachzuvollziehen gewesen, weil sie meiner Meinung nach einmal mehr gezeigt hat, dass der VfB mit Wolfgang Dietrich und Michael Reschke keinen eindeutigen Plan zu verfolgen scheint. Exemplarisch hierfür steht auch die Wintertransferphase, in der man offensichtlich händeringend nach einem offensiven Mittelfeldspieler gesucht hat, aber keinen gefunden hat. Christian Lindner würde sagen: Lieber keinen Transfer, als einen falschen Transfer. Und ich würde hier generell sogar zustimmen, wenn es eine Alternative gäbe – aber an Kreativität und Idee mangelt es im VfB-Offensivspiel gewaltig.

Trotzdem spielte man in Wolfsburg eine gute zweite Halbzeit und gewann gegen Mönchengladbach. Korkuts Plan scheint aufzugehen – und vielleicht ist es ja wirklich so gewesen, dass Hannes Wolf die Spieler nicht mehr komplett erreicht hat. Aber: Wer war denn dann in Stuttgart der letzte Trainer, der Spieler über einen längeren Zeitraum als 1-2 Jahre erreichen konnte? Es kann doch nicht sein, dass die Mannschaft, die auf dem Feld steht und sich zum Großteil alle 2 Jahre runderneuert, im gleichen Abstand neue Impulse von der Trainerbank aus benötigt. Da stimmt doch irgendetwas nicht. Der VfB entwickelt sich immer mehr zu einem Verein, zu dem kein Trainer kommen möchte – und wer will es ihnen auch verübeln? Nach spätestens zwei Jahren kann er sich wieder einen neuen Job suchen. Seit dem Jahrtausendwechsel gab es genau drei Trainer, die länger als 2 Jahre beim VfB beschäftigt waren: Felix Magath (2001-2004), Armin Veh (2006-2008) und Bruno Labbadia (2010-2013). Mit Sammer, Trapattoni, Babbel, Gross, Keller, Schneider, Stevens (2x), Veh, Zorniger, Kramny, Luhukay, Janßen und Wolf stehen diesen drei Trainern 14 Kurzzeitbeschäftigungen (weniger als 2 Jahre) in 18 Jahren gegenüber. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders gering, dass sich Korkut irgendwann in der zweiten, deutlich größeren Gruppe von Ex-Trainern wiederfindet.

Martin schreibt auf seinem Blog Gedankenvoll davon, dass sich die Beziehung zwischen ihm und dem VfB „abgekühlt“ hat. Ron schreibt auf Brustring1893 über die verloren gegangene bzw. verschwommene Identität des VfB Stuttgarts. Beide berichten von verloren gegangener Emotionalität – und ich kann mich hier anschließen. Das Spiel gegen Wolfsburg verfolgte ich in einer ganz seltsamen Stimmung – und fragte mich schon anschließend, wie das wohl sein würde, wenn ich gegen Gladbach wieder im Block stehe.

Ich kann euch sagen: Es war anders als sonst. Seit der Entlassung von Wolf hat sich etwas verändert. Ich habe mich in gewisser Weise vom VfB distanziert – und ich dachte nicht, dass das mal passieren könnte.

Meine Eltern sind keine Fußballfans, aber schon als Kind war ich begeistert von dieser Sportart. Mein Großvater verfolgte die Spiele des VfB zwar, aber ihm war Formel 1 wichtiger. Mein Onkel ist Fan des Vereins, für den Sven Ulreich momentan die Schuhe schnürt. Es war mein bester Freund, der mich zum VfB brachte. Fußball und der VfB war das, was unsere Freundschaft viele Jahre ausmachte. Wir verbrachten viele Stunden am Radio bei SWR1 Stadion, erlebten internationale Niederlagen gegen Chelsea, Brügge, Vigo und Glasgow teilweise gemeinsam am Fernseher, feierten Siege der jungen Wilden gegen Manchester, Athen und die Glasgow Rangers, und wir bejubelten die Meisterschaft 2007 als Teenager zusammen auf dem Schlossplatz. Danach folgte eine Zeit, in der mich der VfB nicht gerade verwöhnte. Von einem der größten Vereine in Deutschland entwickelte sich der VfB zu einem Punktelieferanten und 2016 trat ich zusammen mit vielen anderen treuen Anhängern den Weg in die Zweitklassigkeit an. Ich kam selbst an den Punkt, an dem ich mir sagte: „Ja, vielleicht brauchen wir den Abstieg um wirklich nochmal neu anzufangen.“ Es schien genauso zu sein. Mit Schindelmeiser und Wolf kehrte das zurück, was dem VfB so lange gefehlt hat: Gesichter, die für einen Neubeginn standen und Menschen, mit denen man sich identifizieren konnte. Die Stadionbesuche waren intensiver als zuvor – zusammen sollte der Aufstieg gepackt werden. Mannschaft und Fans waren eine Einheit. Es fühlte sich gut an. Ich hatte wieder Hoffnung. Hoffnung auf bessere Zeiten. Hoffnung, die jäh zerstört wurde.

Nachdem Schindelmeiser die Ausgliederung für Dietrich vorangetrieben hatte, war für ihn kein Platz mehr. Schindelmeiser wurde vorgeworfen, keinen nachvollziehbaren Plan und kein schlüssiges Konzept gehabt zu haben. Als der VfB dann einen miesen Winter erwischte und es in Stuttgart kriselte, kam eins zum andern. Reschke meldete sich unvorteilhaft zu Wort und untergrub (vielleicht sogar, ohne es zu wollen) Wolfs Autorität, als er im Sportstudio sagte, man werde sich zusammen setzen und über taktische Dinge sprechen. Wolf machte im Vorfeld des Schalke-Spiel seinen vermutlich größten – und folgenreichsten – Fehler: Er beugte sich dem öffentlichen Druck und versuchte es mit einer offensiveren Grundausrichtung. Der Plan ging schief, der VfB war chancenlos und verlor zurecht mit 0:2. Wolf äußerte danach wohl Zweifel, inwiefern er die Spieler noch erreicht. Für die Verantwortlichen Reschke und Dietrich war dieses ehrliche Auftreten Wolfs Grund genug, ihn zu entlassen. Klar ist: Die Entlassung war zu rechtfertigen, aber sie war alles andere als alternativlos (und so wurde sie im Nachhinein von den VfB-Verantwortlichen dargestellt). Man hätte versuchen können, Wolf zu unterstützen. Man hätte den ursprünglich eingeschlagenen Weg mit Schindelmeiser und Wolf weitergehen können, aber man entschied sich einmal mehr für blinden Aktionismus statt Vertrauen. Einen nachvollziehbaren Plan bzw. ein schlüssiges Konzept kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen. Reschke wurde dafür gelobt, auf dem Transfermarkt nicht in Aktionismus verfallen zu sein. Dietrich und Reschke knicken beim ersten Lüftchen ein und entscheiden sich für einen Wechsel auf der Trainerposition. Mit Wolf verlor der VfB für mich nach Schindelmeiser auch die zweite Identifikationsfigur.

Das Heimspiel gegen Gladbach kam – und es war anders als sonst. Es war weniger laut, es war weniger leidenschaftlich – und es war mir fast schon gleichgültig. Ja, ich jubelte nach dem Ginczek-Tor kurz. Ja, ich freute mich nach dem Spiel über den Sieg. Aber es war keine befreite Freude. Es war ein kalter Tag – und es war eine abgekühlte Stimmung. Ich war zwar im Stadion, aber es fühlte sich an, als wäre ich gar nicht wirklich dabei gewesen. Es ist das „Drumherum“, das mich Heimspiel für Heimspiel ins Stadion zieht. Die Menschen, das Erlebnis, die Kurve. Denn ein Stück weit ist der VfB Heimat für uns alle. Daran haben die Verantwortlichen zur Zeit allerdings wenig Anteil.

Es heißt „Zeit heilt alle Wunden.“ Und vermutlich wird es das. Es kommen wieder andere Zeiten. Aber: Siege und selbst der Klassenerhalt sind kein Beweis dafür, dass Dietrich und Reschke gute Arbeit leisten. Dafür ist in den letzten Monaten zu viel passiert. Die Herren Reschke und Dietrich haben großen Anteil daran, dass sich viele Fans vom VfB distanzieren, weil ihnen die Art und Weise, wie der Verein geführt wird, alles andere als zusagt. Ich wiederhole mich, wenn ich behaupte, dass Dietrich es deshalb nicht schafft, der Präsident aller zu sein, wie er es versprochen hatte, weil er dieses Ziel in Wirklichkeit nicht verfolgt. Manchen bin ich an diesem Punkt zu kritisch, manche fordern, dass man sich als VfB-Fan komplett hinter den Vorstand und den Präsidenten stellt. Ich möchte aber nicht einfach hinnehmen, was die Vereinsführung uns vorsetzt. Für mich als Vereinsmitglied ist der kritische Blick auf die Vorkommnisse in einem Verein unabdingbar. Nur so kann sich ein Verein wirklich weiterentwickeln.

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