Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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Bild: vfb-bilder.de

Es ist der 06. Februar 2016. Der VfB spielt in Frankfurt und gewinnt mit 4:2. Die Torschützen damals: Gentner, Didavi, Niedermeier und Kostic. Warum dieser Beitrag mit einem Spiel aus der Abstiegssaison beginnt? Das Spiel in Frankfurt war der letzte Auswärtssieg des VfB Stuttgart in der ersten Fußballbundesliga. Seitdem holte man auswärts ganze drei Punkte – mit Unentschieden auf Schalke, in Ingolstadt und in Darmstadt. Die Auswärtsbilanz in dieser Saison sieht noch mickriger aus: 0 Punkte und 2:10 Tore aus 5 Spielen.

Der Anspruch in Stuttgart ist in dieser Saison klar: Klassenerhalt. Insgeheim erhofft sich die Mehrheit der Fans offensichtlich mehr: Schönen Fußball, einen gesicherten Mittelfeldplatz (mindestens) und Siege gegen Leipzig und Co. Anspruch und Wirklichkeit liegen manchmal weit auseinander. Das beginnt bei den vermeintlich kleinen Dingen.

Man kann den Anspruch haben, Gegentore wie man sie gegen Köln und Leipzig kassiert hat, vermeiden zu können. Eventuell darf man diesen Anspruch sogar haben, weil der VfB in diesen Situationen einfach viel zu passiv agiert. Dass der Ball aber zwei Mal so genau passt, ist einfach auch Glück auf der einen – und Pech auf der anderen Seite.
Man kann den Anspruch haben, dass Zieler den Schuss von Sabitzer zumindest halten kann. Von einem klaren Torwartfehler zu sprechen ist allerdings fern von jeglicher Wirklichkeit.

Manche (da schließe ich mich mit ein) erwarten von Andreas Beck, einem Spieler, der in der Bundesliga als solider Musterprofi und Führungsspieler aufgefallen ist, der aber definitiv noch nie ein Flankengott oder Sprinter par Excellence war, dass er die rechte Linie hoch und runter marschiert und eine Flanke nach der anderen in den Strafraum bringt. Dasselbe wünschen sich viele von Dennis Aogo, der beim VfB gefühlt jetzt schon mehr Spielpraxis hat, als er die letzten 5 Jahre bei Schalke und Hamburg bekam. Wie realistisch dieses Denken ist, sollte eventuell mal hinterfragt werden.

Wir erwarten, dass die Innenverteidiger Badstuber, Baumgartl und Pavard die Gegenspieler so abkochen, dass erst gar keine Torchancen entstehen. Dabei sollten wir eigentlich schon froh sein, dass unsere Innenverteidiger mehr Potential und Klasse haben, als Sunjic, Hlousek und Co. und hoffen, dass sie fit bleiben. Die Innenverteidigung war immer die Problemzone des VfB. In dieser Saison steht sie meist stabil. Damit sollten wir vielleicht fürs Erste zufrieden sein.

Manche erwarten, dass Insua im ersten Spiel nach seiner Verletzung wieder zu dem Flankengott wird, der er in der zweiten Liga für Terodde war. Dass die Gegenspieler in der ersten Liga von einem ganz anderen Kaliber sind, als die in der zweiten Bundesliga, vergessen einige. Insua hatte in der Abstiegssaison genauso seine Schwierigkeiten, wie der Rest des VfB. Warum soll es in dieser Saison anders sein?

Wir erwarten von Burnic, der gegen Leipzig nach 10 Minuten einen völligen Kaltstart hinlegen musste, als er für Aogo kam, dass er in seinem zweiten Bundesligaspiel fehlerfrei spielt und die Leipziger Defensive mit seinen Pässen in Bedrängnis bringt. Zweikampfstark soll er auch noch sein – und wenn möglich, ein Leadertyp bitte. Der Junge ist 19 und macht Fehler. Das sollten wir ihm eingestehen. Auch ein Khedira hat nicht von Anfang an konstant auf hohem Niveau gespielt.

Wir verlangen von Mangala und Ascacibar, die bislang eine sehr solide Saison spielen, dass sie Wunderdinge tun können und Gegenspieler wie Naby Keita, Emil Forsberg und Timo Werner (zusammen haben die drei laut transfermarkt.de einen Marktwert von 122 Millionen Euro) in einem Spiel komplett abmelden. Die Bundesliga ist für beide eine andere Welt. Ich bin bereits positiv überrascht, dass sie so schnell zu einer Verstärkung werden konnten.

Wir wünschen uns von Asano und auch Brekalo, dass sie ihre Gegenspieler wiederum so alt aussehen lassen, wie es in Liga 2 des Öfteren geschehen ist. Und zu guter Letzt soll Simon Terodde möglichst in jedem Spiel treffen, gut spielen und für den Sieg sorgen.

Was möchte ich damit sagen?

Ich bin der Meinung, dass wir Fans manchmal vergessen, was für Spieler da eigentlich auf dem Platz stehen. Lennart von Rund um den Brustring schreibt, dass er in Leipzig nichts erwartet hat und sich deshalb seine Enttäuschung in Grenzen hält. So geht es mir auch. Dass in den meisten Auswärtsspielen (vor allem aber in Frankfurt) mehr drin war, als zu verlieren, dürfte uns allen klar sein, aber den Anspruch zu erheben, diese Spiele dann auch gewinnen zu müssen (oder punkten zu müssen), finde ich nicht real. Das Fass der Trainerfrage aufzumachen, weil er angeblich zu defensiv hat spielen lassen, finde ich maßlos übertrieben. Jungen Spielern die Bundesligatauglichkeit abzusprechen, weil sie Fehler machen, finde ich eine Frechheit. Einer dieser Spieler ist inzwischen in Leipzig, 50 Millionen Euro wert und vermutlich Deutschlands bester Stürmer – in Stuttgart wurde er zuerst in den siebten Himmel gelobt und dann belächelt. Jetzt wird er verachtet, weil er die für seine Karriere beste Entscheidung getroffen hat. Das ewige Bashing ehemaliger VfB-Spieler langweilt mich nur noch.

Klar: Dem Fußballromantiker in mir blutet das Herz, wenn ich an „Vereine“ wie den Brauseclub aus Leipzig denke.
Aber: Auch hier passt meine romantische Vorstellung von Fußball nicht mehr mit der Wirklichkeit zusammen.

Und damit zurück zum Thema. Anspruch und Wirklichkeit.

Wir dürfen von Spielern, die ihre erste Bundesligasaison spielen, nicht erwarten, dass sie keine Fehler machen. Wir können nicht erwarten, dass diese jungen Spieler konstant auf hohem Niveau spielen.

Genauso wenig sollten wir von den älteren Spielern erwarten, dass sie im Spätherbst ihrer Karriere noch anfangen, über ihren Möglichkeiten zu spielen.

Vor allem aber sollten wir nicht erwarten, dass eine Mannschaft, deren höchste Priorität unter Hannes Wolf es ist, defensiv sicher zu stehen, ein Offensivfeuerwerk abfeuern wird. Das entspricht einfach nicht der Realität.

Momentan gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Der VfB ist meiner Meinung nach voll im Soll. 3-6 Punkte mehr wären mit Sicherheit schön, aber dann würden wir vermutlich alle schon wieder anfangen, von Europa zu träumen. Das Einzige, was mir tatsächlich etwas zu denken gibt, ist die Tatsache, dass wir zur Zeit Pech mit Verletzungen haben und deshalb irgendwann die Alternativen ausgehen könnten.

Wir spielen jetzt gegen Freiburg und dann in Hamburg. Das sind mit Hannover und Bremen die Gegner, die noch kommen, mit denen man sich in dieser Saison messen muss. Da sollte man tatsächlich den Anspruch haben dürfen, zu gewinnen. Das Spiel im Pokal in Kaiserslautern ist ein Bonusspiel. Gewinnt man dort, ist es ein Sieg für die Stimmung – verliert man, kann man sich wenigstens komplett auf die Liga konzentrieren. Von Berlin zu träumen, ist alles andere als zielführend für eine Saison, in der es nur darum gehen darf, nicht abzusteigen.

Auf der anderen Seite darf man realistisch genug sein und davon ausgehen, dass man das Kalenderjahr 2017 im eigenen Stadion nicht ungeschlagen beenden wird – es gibt schließlich noch Heimspiele gegen Dortmund und Bayern.

 

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2 Gedanken zu „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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